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© Daimler AG
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Kann ein Auto abwägen, welches Menschenleben mehr wert ist: das des Kindes, das auf die Straße läuft, oder das der alten Dame, die es treffen würde, wenn man dem Kind ausweicht? Oder das des Fahrers? Mit der großen Dilemma-Frage sind Programmierer, Forscher und Philosophen konfrontiert, wenn sie über die Zukunft des Straßenverkehrs voller autonom fahrender Automobile nachdenken.

Ein Abteilungsleiter von Daimler, Ingenieur Christoph von Hugo, plädierte auf dem Pariser Autosalon 2016 in einem Interview dafür, dass im Zweifelsfall der Fahrer gerettet werden müsse. Sein Arbeitgeber sieht das anders und stellte kurz darauf in einer Pressemitteilung klar: „Weder Programmierern noch automatisierten Systemen steht eine Abwägung über Menschenleben zu.“ Die ethischen Fragen dürfen nicht von Einzelnen beantwortet, sondern müssten in einem breiten und internationalen Diskurs geklärt werden. Den Wert eines Lebens gegenüber einem anderen als schützenswerter einzustufen, widerspricht zudem dem deutschen Rechtsverständnis.

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Ethik-Kommission für Computer-Entscheidungen

In Deutschland nahm im Herbst 2016 eine Ethik-Kommission für computergesteuerte Autos ihre Arbeit auf, die sich solchen Themen widmet. Das Gremium der Regierung soll Leitlinien dafür entwickeln, wie autonom steuernde Autos in Gefahrensituationen reagieren sollen. Verkehrsminister Alexander Dobrindt erklärt: „Klar ist: Sachschaden geht immer vor Personenschaden. Außerdem darf es keine Klassifizierung von Personen zum Beispiel nach Größe, Alter oder ähnlichem geben.“

Inwieweit über ethische Fragen in Verkehrssituationen überhaupt Einigkeit bestehen kann, untersucht eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sie stellt Probanden die Dilemma-Frage: Wer soll den moralischen Vorstellungen folgend überfahren werden? Verdient jemand, der die rote Ampel missachtet, eher den Tod als jemand, der sich an die Verkehrsregeln hält – auch wenn der vielleicht ein Bankräuber ist? Die Probanden haben Zeit zum Nachdenken und Abwägen. Zeit, die einem menschlichen Fahrer in einer reellen Verkehrssituation fehlt. Das Ergebnis der Studie offenbart das Dilemma der ganzen Diskussion: 76 Prozent der Probanden wollen eher, dass das Auto das Leben eines Fahrzeuginnensaßen aufs Spiel setzt, wenn dadurch zehn Passanten verschont werden könnten. Ein Auto mit einer solchen Programmierung würden aber andererseits nur ein Drittel von ihnen kaufen.

 

https://www.automobil-produktion.de/hersteller/wirtschaft/dilemma-situationen-daimler-sieht-sich-falsch-verstanden-119.html